Wird Klarheit überbewertet?
Der Text hinterfragt unsere Obsession mit Klarheit. Er lädt dazu ein, Ungewissheit nicht als Mangel, sondern als Denkraum zu begreifen – als Ort, an dem echte Erkenntnis entstehen kann. Ein Plädoyer für das Recht, Dinge nicht sofort zu verstehen.
2/11/20262 min read


Wir leben in einer Zeit, in der alles sofort Sinn ergeben soll.
Positionen. Gefühle. Entscheidungen. Lebensläufe.
Unklarheit gilt als Mangel, als Übergangszustand, als etwas, das man möglichst schnell beheben muss. Wer sagt „Ich weiß es nicht“, wirkt verdächtig. Wer zögert, scheint zu verlieren.
Dabei war Verstehen noch nie ein Sofortprodukt.
Und vielleicht nehmen wir uns selbst etwas weg, wenn wir zu schnell nach Klarheit greifen.
Nicht alles, was unklar ist, ist falsch.
Manches ist einfach noch nicht bereit, erklärt zu werden.
Wir haben verlernt, im Unfertigen zu bleiben. In Fragen zu verweilen, statt sie sofort zu beantworten. Sobald etwas sich nicht sauber benennen lässt, wird es aussortiert: Gefühle müssen etikettiert werden, Zweifel therapeutisch bearbeitet, innere Widersprüche „aufgelöst“. Als wäre das Leben ein schlecht organisierter Schreibtisch.
Doch viele der Dinge, die uns wirklich verändern, kommen nicht mit Gebrauchsanweisung. Sie kommen als Irritation. Als leiser Widerstand im Bauch. Als Gedanke, der sich nicht schließen lässt. Als Gefühl, das keinen Namen findet – und genau deshalb bleibt.
Was, wenn Unklarheit kein Defizit ist, sondern ein Schutzraum?
Ein Ort, an dem etwas wachsen darf, ohne sofort bewertet zu werden.
Klarheit kann beruhigend sein. Aber sie kann auch zu schnell beruhigen. Zu früh abschließen. Zu rasch festlegen, was eigentlich noch in Bewegung ist. Manchmal ist Klarheit nichts anderes als eine elegante Form der Selbstberuhigung.
„Jetzt habe ich es verstanden“ – und wir legen damit den Deckel auf etwas, das vielleicht noch atmen wollte.
Vielleicht braucht es Mut, Dinge nicht sofort zu verstehen.
Nicht alles einzuordnen. Nicht jede Ambivalenz aufzulösen.
Sich zu erlauben, gleichzeitig neugierig und ratlos zu sein.
Denn echte Erkenntnis entsteht selten aus Eile. Sie entsteht aus Reibung. Aus dem Aushalten von Nichtwissen. Aus dem Zulassen von innerem Chaos, das nicht sofort aufgeräumt wird.
Klarheit hat ihren Platz. Aber sie sollte nicht diktieren, wann etwas „fertig gedacht“ ist. Manche Gedanken brauchen Zeit. Manche Gefühle brauchen Dunkelheit. Manche Fragen verlieren ihren Wert, wenn man sie zu schnell beantwortet.
Vielleicht ist es kein Zeichen von Schwäche, nicht sofort klar zu sehen, sondern ein Zeichen von Aufmerksamkeit.
Und was, wenn Nichtwissen die eigentliche Klarheit ist? Unklarheit kann auch spannend sein. Denn wir geben dem Leben durch unser Nichtverstehen unbewusst die Möglichkeit, uns zu überraschen. Ein verwegener Gedanke?
So oder so: Vielleicht ist es an der Zeit uns öfter mal an Sokrates zu erinnern und zu sagen:
Ich weiss, dass ich nichts weiss und ich geniesse dieses Abenteuer.
Manche Fragen brauchen mehr als einen Text.
Wenn du weiterlesen willst:
Diese Seite enthält Spuren von Sarkasmus und Cocktails.
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