What If Your Life Had an Unreliable Narrator?

Was, wenn unser Leben einen unzuverlässigen Erzähler hätte? Wir erzählen unsere Vergangenheit ständig neu, verändern Erinnerungen und passen sie unserem heutigen Selbstbild an. Doch was passiert, wenn die Geschichte, die wir über uns erzählen, irgendwann auch unsere Gegenwart und Zukunft bestimmt?

9/23/20263 min read

In Romanen wissen wir, dass ein Erzähler uns täuschen kann. Er lässt Dinge weg, verdreht Tatsachen, interpretiert Ereignisse nach seinem eigenen Geschmack. Wir lesen und denken: Interessant. Doch dieser Erzähler ist unzuverlässig.

Im echten Leben denken wir selten so über unseren eigenen Erzähler nach.

Dabei haben wir alle einen.

Er sitzt in unserem Kopf und kommentiert unser Leben. Er sortiert Erinnerungen, bewertet Situationen, interpretiert Blicke, Sätze und Begegnungen. Und er fälscht sogar die Beweise.

Das Faszinierende daran: Wir bemerken es meistens nicht.

Und dieser Erzähler ist nicht einmal besonders gut darin, die Geschichte schöner zu machen. Im Gegenteil. Er macht aus einem kleinen Fehler gerne eine Katastrophe. Aus einem Korb eine persönliche Niederlage. Aus einem schlechten Tag einen Beweis dafür, dass man nichts kann und nichts ist.

Ich bin nicht gut genug.
Ich schaffe das nicht.
Bei mir funktioniert das nie.

Ein ziemlich schlechter Autor, wenn ihr mich fragt.

Wir sind alle unzuverlässige Erzähler, wenn es um unsere eigene Geschichte geht.

Unsere Erinnerung ist kein Archiv. Sie ist eher eine Regisseurin. Sie nimmt Szenen aus der Vergangenheit, schneidet, verschiebt, betont bestimmte Details und lässt andere verschwinden. Daraus entsteht eine Geschichte, die erstaunlich wenig mit einer objektiven Aufzeichnung der Ereignisse zu tun haben muss.

Und natürlich verändert sich diese Geschichte mit uns.

Wer heute selbstbewusst ist, erinnert sich plötzlich daran, dass er als Kind viel mutiger war, als er damals tatsächlich war. Wer unglücklich ist, sieht die Vergangenheit dagegen gerne durch eine dunkle Brille. Derselbe Mensch. Dieselben Ereignisse. Eine andere Erzählung.

Das Gehirn liebt offenbar Geschichten, die zum heutigen Selbstbild passen.

Und dann gibt es noch die andere Art des unzuverlässigen Erzählers: den, der seine Geschichte ein wenig verschönert.

Diana Vreeland (eine grandiose US-amerikanische Modekolumnistin und Redakteurin) nannte es „Faction“: Fact und Fiction.

Ich mag diesen Gedanken.

Denn eine gut erfundene, spannende Geschichte ist manchmal interessanter als die nackte, völlig korrekte Realität. Warum sollte eine Lebensgeschichte also immer wie ein Polizeibericht geschrieben sein?

Wir erzählen unser Leben ohnehin.

Die Frage ist nur: Wie?

Spannend oder langweilig?

Mit überraschenden Wendungen oder immer wieder denselben alten Problemen?

Mit etwas Fantasie oder streng nach Aktenlage?

Ich finde nicht, dass wir unsere Geschichte objektiv erzählen müssen. Wo bleibt denn da der Spass? Jeder von uns hatte Phasen, die nicht gerade nach grosser Literatur klingen. Monate, in denen wenig passiert ist. Begegnungen, die besser vergessen werden. Niederlagen, die wir viel zu lange wiederholen.

Aber muss das alles im Lebensbuch die gleiche Bedeutung bekommen?

Ich glaube nicht.

Denn unsere Geschichten bleiben nicht in der Vergangenheit.

Die Chance ist gross, dass sich auch unsere Gegenwart und Zukunft nach ihnen richten. Wer sich selbst immer wieder als jemanden erzählt, dem Dinge nicht gelingen, wird die nächste Szene seines Lebens kaum wie ein Abenteurer betreten. Wer dagegen beginnt, seine eigene Geschichte anders zu sehen, verändert damit auch die Rolle, die er darin spielt.

Sonst heisst es schnell: täglich grüsst das Murmeltier.

Dieselbe Angst.
Derselbe Fehler.
Dasselbe Problem.
Nur ein anderes Jahr.

Faction wird genau hier spannend.

Nicht als Erfindung einer Vergangenheit, die nie stattgefunden hat. Sondern als Möglichkeit, ihr eine neue Dramaturgie zu geben. Aus einer langweiligen Nebenhandlung kann plötzlich eine Wendung werden. Aus einer Niederlage ein Kapitel. Aus einer Sackgasse der Moment, in dem die Geschichte endlich interessant wird.

Und wer weiss, vielleicht beginnt sich dann auch die Gegenwart danach zu richten.

Womöglich wird aus einem Leben, das sich bisher eher wie ein ruhiger Roman gelesen hat, plötzlich ein Abenteuer.

Denn nicht nur Autoren schreiben Romane.

Wir alle schreiben unsere Lebensgeschichte.

Und wenn ich schon ein Buch über mein eigenes Leben schreibe, dann möchte ich jedenfalls nicht, dass es sich liest wie eine Bedienungsanleitung für ein völlig konventionelles Leben.

Ich möchte, dass es Wendungen gibt.

Überraschungen.

Etwas Faction.

Nicht, um die Vergangenheit zu fälschen. Sondern um ihr eine andere Perspektive zu geben.

Denn vielleicht ist der interessanteste Erzähler unseres Lebens nicht der, der sich am genauesten an alles erinnert.

Sondern der, der aus dem vorhandenen Material eine Geschichte macht, die man tatsächlich weiterlesen möchte.

Und mal ehrlich:

Würdest du dein eigenes Lebensbuch weiterlesen, wenn du schon wüsstest, dass auf jeder Seite nur von alten Problemen, Beleidigungen und all den Dingen erzählt wird, die nicht funktioniert haben?

Ich glaube nicht.

Ich hätte lieber einen Bestseller.

Diese Seite enthält Geschichten, Gedanken und die eine oder andere unbequeme Frage.

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