What If Nothing Needs to Happen Next?

Ein Essay über die moderne Besessenheit, sich ständig weiterzuentwickeln, neue Ziele zu erreichen und jemand anderes werden zu müssen. Über eine Kultur, die uns das Ankommen erschwert, und die Frage, ob wir wachsen können, ohne uns selbst für unzureichend zu halten.

10/21/20263 min read

Wir leben in einer Kultur, in der nichts lange gut genug sein darf, bevor es verbessert werden muss. Kaum ist ein Ziel erreicht, wartet das nächste. Kaum haben wir etwas gelernt, sollten wir uns weiterentwickeln. Kaum sind wir irgendwo angekommen, fragen wir uns, wohin es als Nächstes geht.

Stillstand gilt als Rückschritt. Zufriedenheit als mangelnder Ehrgeiz. Und wer einfach nur ist, ohne gerade etwas zu werden, muss sich fast schon rechtfertigen.

Wann haben wir eigentlich beschlossen, dass das Leben ständig irgendwohin führen muss?

Ich denke, das Problem liegt nicht darin, dass wir zu wenig erreichen. Sondern darin, dass wir verlernt haben, uns selbst zu erlauben, genug zu sein.

Alles ist auf Wachstum ausgerichtet. Mehr leisten, mehr erleben, mehr wissen, mehr werden. Wir tun, um zu haben, und haben, um weiterzukommen. Was dabei unweigerlich mitschwingt, ist eine ziemlich unangenehme Botschaft: So, wie du bist, reicht es noch nicht. Und wenn du erst einmal dort angekommen bist, reicht es immer noch nicht.

Aus dem Wunsch nach Entwicklung wird eine chronische Unzufriedenheit mit der eigenen Existenz. Und aus dem Gedanken, noch nicht fertig zu sein, eine erstaunlich hartnäckige Form der Selbstablehnung.

Der argentinische Psychotherapeut und Autor Jorge Bucay beschreibt in Komm, ich erzähl dir eine Geschichte sinngemäss jenen Moment, in dem wir aufhören, «Ich bin» und anfangen, «Ich sollte sein» zu sagen.

Ein kleiner sprachlicher Wechsel mit weitreichenden Folgen. Denn plötzlich ist unser tatsächliches Selbst nicht mehr der Ausgangspunkt unseres Lebens, sondern ein Zustand, den wir möglichst schnell überwinden sollten.

Wo bleibt da das Sein?

Wir optimieren unsere Gewohnheiten, unseren Körper, unsere Karriere und gelegentlich sogar unsere Freizeit. Wir sammeln Erfahrungen, Kompetenzen und erreichte Ziele wie Beweise dafür, dass wir unser Leben im Griff haben. Aber geniessen wir es auch? Oder sind wir so damit beschäftigt, das nächste Kapitel vorzubereiten, dass wir das gegenwärtige kaum lesen?

Natürlich brauchen wir Ziele. Ein Leben ohne Neugier, ohne Veränderung und ohne neue Erfahrungen wäre ziemlich langweilig. Ich möchte keineswegs dafür plädieren, sich auf dem Sofa niederzulassen und die Welt fortan Welt sein zu lassen.

Die entscheidende Frage ist eine andere: Warum wollen wir ein Ziel erreichen?

Weil es uns interessiert? Weil es unseren Werten entspricht? Weil wir etwas entdecken, ausprobieren oder erschaffen wollen?

Oder weil wir glauben, erst wenn wir es erreicht haben, jemand zu sein?

Das eine entspringt der Freude am Leben. Das andere dem Versuch, sich den eigenen Wert zu verdienen. Von aussen können beide Antriebe erstaunlich ähnlich aussehen. Innerlich liegen Welten dazwischen.

Womöglich ist unsere Kultur deshalb eine «Niemals-genug-Kultur». Nicht, weil wir tatsächlich ständig mehr brauchen, sondern weil uns das Weiterstreben davon abhält, die Frage nach dem Genug überhaupt erst zu stellen.

Und ja, unser Gehirn ist darauf ausgerichtet, nach Belohnungen zu suchen, auf Veränderungen zu reagieren und neue Möglichkeiten zu entdecken. Zufriedenheit ist kein Zustand, den wir biologisch mühelos für immer festhalten. Aber muss daraus ein Lebensmodell werden, in dem wir uns permanent selbst überholen?

Bei dem Gedanken spüre ich eine Rebellion in mir aufsteigen. Nicht gegen Ziele, sondern gegen die Vorstellung, jeder Moment müsse einem anderen dienen. Gegen die Idee, aus jeder Erfahrung müsse ein Fortschritt entstehen und aus jeder Pause eine Gelegenheit zur Selbstverbesserung.

Was wäre, wenn wir ein Ziel verfolgen dürften, ohne unseren Wert an dessen Erreichen zu knüpfen? Wenn wir etwas ausprobieren könnten, ohne daraus eine neue Identität machen zu müssen? Wenn ein schöner Nachmittag einfach ein schöner Nachmittag sein dürfte, statt eine willkommene Unterbrechung auf dem Weg zu etwas Wichtigerem?

Vielleicht würde dann auch der Genuss zurückkehren. Nicht als Belohnung für erledigte Aufgaben, sondern als selbstverständlicher Teil des Lebens.

Wir dürfen wachsen, ohne uns vorher für unzureichend zu erklären. Wir dürfen uns verändern, ohne unser bisheriges Selbst zum Fehler zu machen. Und wir dürfen ankommen, ohne sofort einen neuen Aufbruch zu organisieren.

Denn das Leben ist kein unfertiges Projekt, das irgendwann endlich vorzeigbar sein muss.

Es ist bereits da!

Und die Frage ist nicht, was als Nächstes passieren muss.

Sondern ob wir es aushalten, dass gerade einmal nichts passieren darf.

Diese Seite enthält Geschichten, Gedanken und die eine oder andere unbequeme Frage.

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